Gilt es dem Volkszorn und der deutschen Expertise-Bildung auf den Zahn zu fühlen, ist ein Blick in die Kommentarspalten großer Onlineangebote unumgänglich. Das Ergebnis eines solchen kleinen Einblicks ist keineswegs überraschend. Gab es bislang zweifellos 82 Mio. Nahost-Experten, formieren diese sich auf einmal als Kenner hiesiger Beschneidungspraktiken.
Ihre Argumente sind gehässig wie falsch: Der Vergleich zur Beschneidung von Mädchen in Afrika wird gesucht und letztlich scheint sich jeder einig in dem Schluss, dass sich jüdische und muslimische Männer verstümmelt fühlen sollten, und somit fixiert sich die ganze öffentliche Besorgnis um die Kinder religiöser Minderheiten im Land auf deren Genitalien, erschreckend deckungsgleich mit vulgär-sexueller Paranoia eliminatorischer Antisemiten.
Tatsächlich haben jene Kommentarspalten die Hürden zur hässlichsten Form der Xenophobie und des Antisemitismus schon längst genommen. Aus säkularer und keineswegs jüdischer oder muslimischer Sicht agitierend, brechen des Volkszorns Dämme als die Europäische Rabbinerkonferenz vollkommen richtig verlautbaren lässt, dass es sich mit einem Beschneidungsverbot um die größte Gefahr für das europäische Judentum seit dem Holocaust handele.
Seitens der Kritiker scheint keinerlei Interesse daran zu bestehen, die eigene bequeme majoritäre Position zu verlassen. Der intelektuelle Diskurs kapituliert vor einem exzessiven Säkularismus, der offenbar das Wesen eines säkularen Staates verkennt und für eine Bevormundung religiöser und ethnischer Minderheiten in der Republik eintritt, obwohl doch außer Frage stehen sollte, dass es die primäre Aufgabe jenes säkularen Staates ist, einen Ausgleich zwischen säkularer und religiöser Weltanschauung herzustellen bzw. zu sichern. Hierbei sollte jedoch keineswegs Partei ergriffen werden, ganz gleich wie sehr ein semi-intellektueller Mob auch protestiert.

Spätestens mit den Stellungnahmen jüdischer Verbände und jüngst der Europäischen Rabbinerkonferenz ist ein Paradigmenwechsel in der Argumentation der Beschneidungsgegner erkennen.
Wurden zunächst unhaltbare „medizinische“ Argumente bemüht und auf ein diffuses Verständnis von Menschenrechten verwiesen, gilt es nun, die in Europa ansässigen Taliban – so ließe sich der Duktus der radikalen Religionskritik übersetzen – aus dem Mittelalter in die säkulare Moderne zu befördern. Sich der Moderne anpassen, ein Umdenken anregen – so das Ziel der vermeintlichen Aufklärer à la Putzke.
Dass jener Habitus in letzter Konsequenz jedoch nichts anderes als einen Eingriff in die jüdische Selbstbestimmung darstellt und aus einem gewaltigen intoleranten Guss stammt, stellten unlängst eben jene Europäische Rabbinerkonferenz oder aber auch der Berliner Rabbiner Yitzchak Ehrenberg klar, welcher bei Anne Will ganz unverklausuliert bekannte, dass es ein Judentum ohne Beschneidung nicht gibt.

Freilich streitet der deutsche Volkszorn jeglichen antisemitischen Duktus der Debatte und die entsprechende Bedeutung eines Beschneidungsverbots ab, da es in der geläuterten Nation keine Antisemiten geben könne, solange die Lager nicht wieder in Betrieb genommen würden.
Bezeichnenderweise stößt hierbei auch ein sich als pro-israelisch und somit an der Existenzsicherung jüdischen Lebens interessiertes Milieu an seine Grenzen und wähnt sich in der Mission, ein in ihren Augen modernen Staat Israel und ein wie auch immer geartetes progressives Judentum vor jeglicher jüdischer Selbstbestimmung zu bewahren. So lassen sie sich vor den volksdeutschen Karren der Leitkultur spannen.
Leitkultur Kindeswohl – die Deutschen werden schon wissen, wie Juden ihre Kinder zu erziehen haben.

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