Die Minderheit einer Minderheit, welche wiederum selbst nur Teil einer anderen Minderheit ist, versetzt seit einigen Tagen die Medienlandschaft in helle Aufregung und es scheint keine deutsche Tageszeitung zu geben, die dieser Tage noch kein Bilder schwarz gekleideter Juden mit Schläfenlocken abgelichtet hätte.
Mit Überschriften wie bspw. „Zustände wie in Teheran“(Berliner Zeitung, 3.Januar) wird über Massendemonstrationen und religiöse Fanatiker, die eine Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben betreiben, berichtet. Natürlich muss man diese Personen mit Broders „Die Irren von Zion“ betiteln, doch darf eine reflektierte und wahrheitsgemäße Berichterstattung nicht vernachlässigt werden.
Keineswegs stet die israelische Gesellschaft vor dem Zerfall und an ein jüdisches Teheran ist bei weitem nicht zu denken.
An dieser Stelle nun ein Versuch der Rekonstruktion dessen, woran sich die israelische Gesellschaft reibt und was zu einer Bilder- und Artikelflut in deutschsprachigen Medien geführt hat.

Interessant ist dabei das Spannungsfeld innerhalb der religiösen Bevölkerung Israels. Während dieser Tage der „ultra-orthodoxe“ Jude als Sinnbild des religiösen Israels präsentiert wird, so als sei er nur die Spitze des Eisberges und als würde eine religiöse Parallelgesellschaft als monolithischer Block nach sozialer Kontrolle und Hegemonie streben, muss doch ein kühler Kopf bewahrt werden und das deutlich formuliert werden, was das Konstrukt „ultra-orthodox“ bereits suggerieren dürfte: Es handelt sich – und dabei wird keinerlei Tat relativiert – um eine Minderheit. Leider verläuft die mediale Suggestion derzeit anders herum.

Was momentan wie ein sich entladender Konflikt zwischen der säkularen und religiösen Bevölkerung in Israel erscheint, reicht in seinen Wurzeln weit zurück und kennzeichnet primär einen Konflikt innerhalb des israelischen Judentums.
Das orthodoxe Judentum, selbst schon mal eine Minderheit in Israel, spaltet sich in die verschiedensten Facetten und der Terminus „ultra-orthodox“, der im Wesentlichen lediglich eine besondere Spielart der Orthodoxie darstellt, sollte nicht zwingend, wie es fälschlicherweise getan wird, als Steigerung der Religiosität verstanden werden, so dass den Charedim eine repräsentative Funktion zukäme. Viel mehr praktizieren sie eine übermäßige Betonung bestimmter Teilaspekte des jüdischen Gesetzes bzw. der jüdischen Moralvorstellung, so wie jedes religiöse Milieu es tut. Im Falle der medial aufbereiteten Ulta-Orthodoxie steht der Anstand und die Züchtigkeit im Mittelpunkt.
Es gibt keinen Grund dies zu verleugnen, das orthodoxe Judentum steht auch für eine Rollenverteilung der Geschlechter, jedoch keineswegs mit der Absicht Frauen von der Öffentlichkeit fernzuhalten.
Teile des ultra-orthodoxen Milieus jedoch scheinen eben dies unter Zucht und Anstand zu verstehen und schrecken traurigerweise auch vor Gewalt nicht zurück, doch stellen sie trotz ihres öffentlichwirksamen Auftreten mit ihrer Radikalität selbst in ihrer eigenen religiösen Verortung eine Position dar, der – glücklicherweise – kaum Verständnis entgegengebracht wird.
Frauen, die sich in die Totalverschleierung begeben, geschlechtergetrennte Busse und eine Sittenpolizei, welche Ladenbesitzer terrorisiert, da es in deren Geschäften nicht fromm genug zugehe, werden in der charedischen Gesellschaft auch dementsprechend kommentiert. Man werfe einen Blick insbesondere auf die Kommentare hier, hier und hier.
Es schließt sich der Kreis – wir sprechen von einer wenige hundert Mann großen Minderheit einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Kann man sich daher tatsächlich einer jüdischen Theokratie nahe wähnen? Wohl kaum.

Dennoch katalysieren die Spannungen innerhalb der israelischen Orthodoxie derzeit die selbstverständlich vorhanden Konflikte zwischen überwiegend säkularen/traditionellen Bevölkerungsmehrheit und der orthodoxen Minderheit.
Die israelische Presse nahm dabei zum Einen den Konflikt zwischen modern-orthodoxen und charedischen Juden in Beth Schemesch und die sog. Mehadrin-Busse zum Anlass, das Thema offensiv in die Öffentlichkeit zu tragen.
Eben dies ist freilich die Aufgabe der Presse – und zwar nicht nur der israelischen -, doch sollte sie, wenn sie schon der einen journalistischen Pflicht nachkommt, auch all die anderen Verantwortungen nicht missachten, die ein solch gesellschaftlich relevantes Thema in sich birgt, wozu unter anderem eine differenzierte und informierende Berichterstattung zu zählen ist.
In den deutschen Medien wurde, so scheint es, weitgehend unreflektiert die Position der israelischen Presse übernommen, wobei ganz außer Acht gelassen wird, dass diese doch selbst Teil des Konfliktes ist.
So reproduziert die „Berliner Zeitung“ in ihre heutigen Ausgabe die Geschichte der Tanja Rosenblit, von der hinlänglich bekannt ist, dass sie nicht nur unschuldiges Opfer war, wie die Jüdische Allgemeine schon recht früh zu berichten wusste. Geschlechtergetrennte Busse sind selbstverständlich ein unsägliches Phänomen, doch gerade deswegen müsste mit Erleichterung und Frohmut auf die Tatsache hingewiesen werden, dass sich die israelische Busgesellschaft eine solche Trennung verbittet, sie nur in den privaten und als solche gekennzeichneten Bussen der Wenigen unter den „Ultra-Orthodoxen“ stattfindet.
Erstaunlich ist, dass die Beobachter der Ereignisse die Radikalität weniger Menschen zum Maßstab der Authenzität religiösen Judentums erheben, und es ist kaum auszumalen, welche Botschaften diese Art der Berichterstattung nach Europa transportiert.

Minderheiten, radikale noch dazu, gibt es überall. Doch räumen wir ihnen keineswegs die Möglichkeit der Spaltung unserer Gesellschaft ein. Oder wie stet es eigentlich um die militanten Nichtraucher, die im Sinne des Nichtraucherschutzes die Raucher aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen? Steht unsere Gesellschaft jetzt vor dem Zerfall?

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