Langsam scheinen die deutschen Medien einem Problem gewahr zu werden, welches für die meisten Israelis und auch für manch einen Diaspora-Juden von erheblicherem Ausmaße ist als die Never-Ending-Story mit den Palästinensern. Nicht nur, weil es den israelischen Alltag direkt betrifft, sondern auch – und das lässt sich aus Diasporaperspektive sagen – weil es beständig die Frage nach der Essenz des israelischen Staates aufwirft. Ein jüdischer Staat oder ein Staat für Juden? Soll der Staat jüdisch sein? Und welche Rolle kommt mir als Jude in der Diaspora bei diesem Richtungskampf zu? Engagiere ich micht bedingungslos für Israel, ein Israel jeglicher Farcon, oder doch nur unter Vorbehalt?

Die Zeit hat als erstes deutschprachiges Medium das Dilemma jüdischer Identität in Israel entdeckt und berichtet von einem israelischen Exodus gen Amerika, das goldene Medine des 19. Jh.
Leider erschöpft sich Eva Schweitzer in der Überschrift, Israel sei den säkularen Israelis zu religiös. Dies ist kein sonderlich nennenswerter Erkenntnisgewinn, schließlich dürfte einem säkularen Staatsbürger jegliche Art religiöser Prägung seines Staates zu religiös sein – und sei es nur ein staatliche subventionierter Weihnachtsmarkt.
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die israelische Presse, welche die Problematik unter einer differenzierteren Lupe betrachtet und sicherlich auch aus der persönlichen Betroffenheit heraus gar nicht allzu sehr die Frage in den Mittelpunkt stellt, ob eine Gesellschaft religiös, ergo jüdisch geprägt sein darf. Zunächst einmal empfiehlt sich nämlich eine Beantwortung der Frage, was authentisch jüdisch ist. Die simple Darstellung des Gegensatzes säkular-orthodox reicht hier nicht aus, denn in der Orthodoxie ist man ganz und gar nicht damit einverstanden, wenn Schulmädchen bespuckt werden.

Hier eine entsprechende Link-Sammlung:
Peres gegen religiösen Extremismus
Charedim bitten um Hilfe
Yeshiva World News zur Spuck-Attacke

Fragt sich nun also, warum in den deutschen Medien auf eine entsprechend vielschichtige Darstellung verzichtet wird. Die Behauptung, dass jene Problematik nicht von derartigem Interesse sei, kann getrost zurückgewiesen werden. Wie sonst lassen sich zahlreiche Video-Beiträge zur „orthodoxen Übernahme“ Israels erklären?

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