Neuerdings wird es wieder in Regelmäßigkeit beschworen, das christlich-jüdische Abendland, das europäische Wertegefüge. Anlass ist eine mehr oder weniger künstlich erzeugte Integrationsdebatte über die europäischen Muslime, die, so suggeriert es zumindest das Konstrukt „christlich-jüdisch“, wohl kein Teil des europäischen Wertegefüges, wenn nicht gar der europäischen Kultur sein können.
Dass die Europäer bei der Debatte, um ihr Erbe und ihre Identität zu fürchten neigen, ist nicht unüblich; ist es doch ein natürlicher Reflex, sich und seine Werte zu verteidigen, wenn man sie in irgendeiner Form bedroht sieht. Im Falle Europas jedoch ist es wichtig die Tatsache festzuhalten, dass eine solche zu verteidigende Identität allein durch die Bedrohungslage existiert, sie nur dann formuliert wird, wenn externe Einflüsse scheinbar Überhand zu gewinnen drohen.
Seit jeher war Europa ein Kontinent der Vielfalt. Nicht wegen eines überragenden Maßes an gegenseitiger Toleranz, sondern als ein Produkt des Rückzugs auf die eigene Nation. Ein homogenes Europa hat es nie gegeben, und ein gemein-europäisches Bindeglied auszumachen, ist äußerst schwierig. Ist es ein gemeinsames religiöses Erbe? Diesen Punkt kann man spätestens seit der Reformation hinterfragen, von der Diskrepanz zwischen westlicher und östlicher Kirche gar nicht zu sprechen. Und möchte man beispielsweise das Latein zu einem kulturellen Bindeglied erheben, muss man sich im selben Atemzug auch fragen, inwiefern das heute noch von Bedeutung ist. Denn wer in Europa ist noch des Lateinischen mächtig?
Europa hat sich immer dann als Einheit begriffen, wenn eine externe Bedrohung drohte, sei es territorialer oder kultureller Art. Als die Türken vor Wien standen, wurde der europäische Kampf beschworen und während der Kreuzzüge kämpften Ritter aus verschiedenen Ländern Seit an Seit gegen die Ungläubigen. Europa war vor allem immer stark darin zu betonen, was es auf keinen Fall ist – Eigendefinition durch Fremdmarkierung.
Heute scheint der Muslim nicht nach Europa zu passen, doch als Intoleranz oder Mangel an Offenheit möchte man dies nicht vermerkt sehen, so dass man explizit eine noch viel kleinere Minderheit in das Wertekonstrukt mit einbezieht: die Juden.
Nun ist die Proklamation eines solchen Erbes gemessen an historischen Erfahrungen nicht haltbar. Nie hat es in Europa eine fruchtbare christlich-jüdische Symbiose gegeben. Die Schaffenskraft der jüdisch-aschkenasischen Geisteswelt entfaltete sich im Ghetto, in Abgrenzung von der gleichgültig bis feindlich gesinnten Mehrheitsgesellschaft, ohne irgendeinen Einfluss von ihr aufgesogen zu haben. Ebenso unsinnig erscheint die romantische Erinnerung an die deutsch-jüdische Tradition vor 1933, an die deutsch-jüdische Normalität nach der man sich sehnt. Denn auch eine solche Symbiose hat es in Wahrheit nie gegeben. Der Zustand, an den man sich so gern erinnert, konnte nur auf Kosten der jüdischen Kultur erzeugt werden. Der Preis der sozialen Akzeptanz der deutschen Juden war die Assimilation, welche seitens der Mehrheitsgesellschaft immer eine Absage an den Pluralismus und seitens der Minderheit eine soziokulturelle Kapitulation darstellt. Jüdisch war in dieser Symbiose nichts, bis auf die Herkunft einiger ihrer Akteure.
Aber Moment, war da nicht mal ein goldenes Zeitalter in Spanien, wo Juden, Christen und Muslime mehr oder weniger in Eintracht und Toleranz hauptsächlich neben-, aber zuweilen auch miteinander lebten? Ja, diese Zeit hat es gegeben. Doch regiert haben nicht die christlichen Europäer, sondern die maurischen Muslime.

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