Trotz reichlicher Überlegung weiß ich immer noch nicht, ob ich für die nicht weit zurückliegende Erfahrung, die mir einen einmaligen Einblick in die Irrationalität des Antisemitismus bot, dankbar sein soll, oder ob meine Empörung über meinen Diskussionspartner nicht eher ins Unermessliche steigen muss.
Der Landtag Mecklenburg-Vorpommerns öffnete am 12.September für interessierte Bürger die Tore des Schweriner Schlosses. Bei angenehmen Spätsommerwetter präsentierten sich die Fraktionen, diverse Organisationen und Initiativen, was von zahlreichen Besuchern wahrgenommen wurde. Über Stunden hinweg herrschte reges Treiben rund um das Schloss und in den Räumlichkeiten des Landtages. Besonders auffällig dabei der Betrieb am Stand der NPD-Fraktion, der jedoch nur dadurch, so sagte man es mir, gewährleistet werden konnte, dass man Mitglieder aus der Gegend anfahren, oder besser gesagt anmarschieren ließ.
Dennoch wird sich wohl kaum abstreiten lassen, dass viele Menschen auch aus echtem Interesse den Stand der Rechtsextremen aufsuchten, und diese bisweilen auch Besuch von echten Gesinnungsgenossen empfangen durften.
So trieb sich beim Tag der offenen Tür auch der nach Selbstauskunft, und von mir später in einer Internetrecherche bestätigt, mehrfach angeklagte Holocaustleugner Gerd Walther im Dunstkreis der NPD herum, scheinbar stets zur Provokation bereit, welche er selbst jedoch nicht als eine solche bezeichnet hätte, sondern als eine offene Diskussion zur Wahrheitsfindung verstanden haben wollte. Im Kontext einer solchen Diskussion mit Mitgliedern der Jungen Union zitierte Walther dann auch den bekannten Antisemiten und wegen Holocaustleugnung und Volksverhetzung zu 6 Jahren Haft verurteilten Horst Mahler, der seine politische Karriere als RAF-Mitbegründer startete, irgendwann jedoch zum Neo-Nazi mutierte und von seinen Anhängern(darunter Gerd Walther) heute als Verfechter eines esoterischen Antisemitismus anscheinend als „großer Philosoph“(Zitat G.W.) bewundert wird.
Folgendes soll Mahler gesagt haben:

„Wenn man einen Leichenberg findet, ist dies noch lange keine Beweis dafür, dass ein Mord geschehen ist.“

Als abstrakte Theorie hat diese Aussage sicherlich einen wahren Kern, doch im konkreten Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Verbrechen und der industriellen Massenvernichtung der Juden lässt sich diese fixe Idee als Grundgerüst einer Grundsatzdebatte kaum aufrechterhalten, da die Beweise für die Ermordung nicht von der Hand zu weisen, ja für jeden ersichtlich und einsehbar sind. Doch gerade diese Beweise sind der Dreh- und Angelpunkt einer rechtsextremen Bewegung, die sich voll und ganz in die Tradition des Nationalsozialismus stellt, seine großen Verbrechen jedoch relativiert, zum Teil gar leugnet und eben jene historischen Fakten als logische Konsequenz ihrer grundlegenden Weltanschauung nur als Lüge, als jüdische Lüge, abtun kann, womit sie als Argumente in einer Diskussion ausscheiden und eine Debatte nur abstrakt und von den Antisemiten bestimmt bleiben kann.
Die meisten Leute wussten sich daher dem Gespräch mit G.W. mit kurzen, aber dafür deutlichen Worten zu entziehen. Auch ich schwankte innerlich zwischen offener Empörung und überlegener Gelassenheit, konnte jedoch nicht mehr an mich halten, als tatsächlich Horst Mahler zitiert wurde. So reagierte ich zunächst emotional, aus der Perspektive eines Enkels von Opfern, war dann aber auch wahnsinnig überrascht, da ich es nicht für möglich gehalten hätte, dass ich als Jude einmal ins Gespräch mit einem eingefleischten, ideologisch wirklich indoktrinierten und nicht nur latent von Vorurteilen durchzogenen Antisemiten kommen sollte – vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich viel mit Horst Mahler und seiner sog. „Reichsbewegung“ beschäftigt habe, welche die BRD nur als eine vorübergehende Organisationsform der Besatzungsmächte betrachtet, die das Deutsche Reich als Staat jedoch nicht abgelöst hat.
So wurde ich – gewissermaßen selbstverschuldet – in eine letztendlich 2,5-stündige Auseinandersetzung verwickelt, die mir rückblickend wie ein möglicher nationalsozialistische Geschichtsunterricht vorkam, dessen Absurdität sich nur schwer steigern lässt, zu jenem Zeitpunkt selbst jedoch absolute Geistesgegenwart von mir abverlangte, da ich wohl meinte, den Mann vom Gegenteil überzeugen und mich als Paradejude dafür opfern zu müssen. Dass er den Spieß etwa in der Mitte des Gespräches mit wenigen Sätzen einfach umdrehte, „Mein Kampf“ mit konkreter Seitenanzahl zitierte und mich darüber „aufklärte“, dass ich ohne Einschränkung dem jüdischen Gesprächspartner entspräche, von dem Hitler aus eigener Erfahrung in seiner Hetzschrift berichtet, scheint mir die Ironie oder auch Ausdruck der Sinnlosigkeit meiner Bemühung zu sein. Auf einmal war ich also ein Musterjude, und neben den historischen, moralischen und politischen Argumenten, die als jüdische Erdichtung ohnehin nichtig waren, wurde ich schlicht meiner Herkunft wegen als ernstzunehmender, ehrlicher Gesprächspartner disqualifiziert, wenngleich ich im Laufe des Gespräches doch immer wieder dafür gelobt wurde, im Gegensatz „zu den deutschen Kleingeistern“ interessiert zuzuhören. Der Antisemit lobt einen Juden, so als würde es wohl stimmen, dass jeder Deutsche seinen „guten Juden“ habe. Wobei Göring dies als einen Irrglauben und eine Last sah, von denen sich die Deutschen befreien müssten, um die „Judenfrage“ zu lösen.
Bis zu diesem Punkt war Walther übrigens gar nicht klar, dass er mit einem Juden diskutiert. Von daher lässt sich unsere Diskussion sehr gut in zwei thematische Blöcke aufteilen.

1.Der Holocaust ist eine Lüge
2.Als Jude lebe ich von der Lüge

Für das erste Thema ist es wichtig hervorzuheben, dass Walther, wie auch all die anderen Anhänger Mahlers, den Holocaust nicht explizit mit eigenen Worten verneinen, sondern in erster Linie Fragen in den Raum werfen, deren Absicht für jeden offensichtlich sind, von den Fragestellern jedoch nicht direkt, sondern nur mit fremden Zitaten beantwortet werden, welche selbst nicht weiter kommentiert werden. Man hat sich folglich zu etwas bekannt, ohne es konkret ausgesprochen zu haben. Dies ist bei den zahlreichen Gerichtsprozessen von Bedeutung. Angeklagt wegen der „Leugnung oder Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen“ können sich Mahlers Schergen hinter Formfragen verstecken, ohne zur inhaltlichen Auseinandersetzung Stellung beziehen zu müssen und legen damit zahlreiche Prozesse lahm, die sie zum Teil sogar durch Selbstanzeigen förmlich suchen, da sie sich nicht als Angeklagte, sondern als Ankläger betrachten. Das Gericht ist ihre Bühne.
Ähnlich begann auch die Diskussion mit Gerd Walther. Er zitierte zahlreiche Personen, die Zweifel daran äußern bzw. geäußert haben, dass die Überreste der Gaskammern in Auschwitz authentisch seien und dass es zumindest in dieser Form keine Massenvernichtung gegeben habe – „In Auschwitz kann es nicht gewesen sein!“. Es war eine regelrechte Flut von Zitaten, die sich an Ort und Stelle nur schwer überprüfen ließ. Die Empörung umstehender Personen, er leugne den Holocaust, wehrte er mit der Behauptung ab, dass er nur an der Wahrheit interessiert sei. Fortan reagierte er auf jedes Argument mit den Worten „Junger Herr, Sie müssen verstehen…“ worauf absurde historische Abhandlungen folgten, die viele (unsinnige) Aussagen enthielten, Fragen jedoch nicht beantworteten und Argumente nicht aufgriffen, sondern die Diskussion in eine Richtung lenken sollten, in der es ausreichend Platz für nationalistische und antisemitische Propaganda gibt. Besonders skurril waren seine Aussagen zu Konzentrationslagern. Er leugnete die Massenvernichtung, legitimierte jedoch die Deportation von Juden in Konzentrationslager. Diese rechtfertigte er damit, dass sich Deutschland im Krieg befunden habe, woraufhin ich jedoch entgegnete, dass es schon vor 1939 Konzentrationslager gab und verwies dabei u.a. auf die Deportationswelle nach der Reichspogromnacht im Jahre 1938. Für Gerd Walther begann der Krieg jedoch schon im März 1933 mit der „Kriegserklärung“ der „amerikanischen Judenheit“ an das Deutsche Reich, welche es prinzipiell wirklich gab, allerdings nur als eine Solidaritätsbekundung an die deutschen Juden zu verstehen war und auch nur in Folge der bereits angelaufenen Diskriminierung der Juden in Deutschland geäußert wurde. Wie könne denn auch, so fragte ich Walther, eine in allen Ländern nur als Minderheit auftretende Gemeinschaft einem souveränen Staat militärisch den Krieg erklären. Ab diesem Punkt kam Walther mit scheinbar nicht enden wollenden Ausführungen immer wieder auf das berüchtigte Finanzjudentum zu sprechen, welches durch seinen Einfluss auf die Politik für alle Kriege verantwortlich sei, und ohnehin sei der Krieg der Juden gegen die anderen Völker vor allem auch geistiger Natur(hier spricht der Horst Mahler in ihm). Die Inhaftierung von Juden in Konzentrationslagern sei also das legitime Recht des Deutschen Reiches gewesen, da es sich eben doch im Krieg befand. Was jedoch bspw. ein jüdischer Schuhmacher aus der polnischen Provinz mit mit all dem zu tun gehabt haben soll, konnte Walther natürlich nicht beantworten. Kopfschütteln von allen Seiten.
Durch schlichte historische Fakten in die Ecke gedrängt, wusste Gerd Walther sich nicht anders zu helfen, als von der inhaltlichen auf die formale Ebene zu springen und mich zu fragen, ob ich eigentlich Jude sei, da ich seinen Worten nach wie ein Betroffener argumentierte. Triumphierend zitierte er nun, wie bereits erwähnt, „Mein Kampf“. Der zweite Themenblock konnte beginnen.
Als jüdischer Gesprächspartner, so Walther, spiele ich zunächst den Interessierten, lenke dann immer mehr vom Thema ab, um mich in meiner jüdischen Überheblichkeit laut und in aller Öffentlichkeit über die offensichtliche Dummheit meines (nichtjüdischen) Gegenübers zu wundern. Doch war nicht gerade dies das Verhalten, mit dem Gerd Walther immer wieder die Diskussion sprengte? Es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir an anderen Menschen meist das auszusetzen haben, was wir an uns selbst nur schwer ertragen können. Ob ihm das bewusst ist?
Nun folgten zahlreiche Ausführungen über die naturbedingte Feindschaft zwischen Deutschen und Juden, über den geistigen Wettkampf um Wahrheit. All das jedoch kannte ich jedoch schon von Horst Mahler.
Sein Judenhass ist eine perfide Mischung aus dem religiösen Antijudaismus, der über Jahrhunderte hinweg integraler Bestandteil abendländischer Kultur war, und dem rassistischen Antisemitismus. Der Jude, so Mahler und Walther, bilde die Gegenrasse zum Arier und habe eine geistige Aufgabe im g’ttlichen Heilsplan zu erfüllen – und zwar als Personifizierung des Satans. Ja, unsere Aufgabe ist es, den Teutonen im Deutschen zu wecken. Hitler habe dies vollkommen richtig festgestellt. Warum man dann aber seinen Lösungsversuch leugne, wollte ich wissen. Eine direkte Antwort bekam ich nicht.
Nach all diesen absurden Theorien stellte sich für mich abschließend nur noch die Frage, ob ich denn als Jude meine Bestimmung noch nicht entdeckt habe, denn schließlich habe ich keine natürlich Aversion gegen Deutsche und halte es für ein recht problematisches, einfach nicht nachvollziehbares Menschenbild, menschliche Beziehung durch die jeweilige Herkunft zu determinieren, ohne Raum für ein unbefangenes Kennenlernen zu lassen. Zugegeben wunderte es mich auch sehr, dass dieser ausgesprochene Antisemit seinen Hass kühl und scheinbar rational präsentierte, nicht beleidigend wurde, sondern mir eher interessiert zuhörte, so wie sich auch bei mir der Zorn legte, ich das Ganze natürlich auch mit einem inneren Lächeln aushielt. Im Grunde genommen war es für mich eine sehr bereichernde Erfahrung, an der ich allerdings zugegebenermaßen noch immer verzweifle, wenn ich mich im Rückblick gedanklich noch einmal auf seine Thesen einlassen. Wie kann ein Mensch, der bemüht ist, logisch zu argumentieren(wenn auch auf Basis falscher Grundannahmen), immer wieder davon spricht, dass er nicht nur glauben, sondern auch wissen will, sich Ideen verschreiben, die ganze Menschengruppen ohne erkennbaren Grund dämonisieren?
Ob er das erste Mal mit einem Juden spräche, wollte ich in diesem Zusammenhang abschließend noch wissen. Als er dies bejahte, wollte ich doch nochmal an sein Herz und an seinen Verstand appellieren. Schließlich habe er mich doch als höflichen und respektvollen Menschen erlebt, der nun wirklich keine bösen Absichten gehabt zu haben scheint. Wie könne er, Herr Walther, der laut Eigenaussage wissbegierig ist und alles genau hinterfragen und selbst ergründen will, sich dann doch in diesem einen konkreten Fall, nämlich der „Judenfrage“, auf das verlassen, was andere darüber zu berichten haben, statt sich auf seine persönliche Erfahrung zu verlassen, in der ihm ein Jude ohne jegliche Feindschaft entgegengetreten ist. Schweigen.
Es war eine Diskussion der Absurditäten, in der unwiderlegbare Argumente und Tatsachen, moralische Bedenken und persönliche Worte als jüdische Erfindungen und Lügen, Täuschungen und Verschwörungen abgetan wurden, und die letztendlich durch die folgenden Schlussworte gekrönt wurden:

„Wenn wir wieder an der Macht sein werden, werden wir euch schützen müssen. Die Mitte der Gesellschaft hat euer Spiel durchschaut, und wir werden verhindern müssen, dass die Meute euch am nächsten Laternenmast aufhängt […] Hinter dem Buch von dem Sarrazin stecken natürlich auch die Juden. Schließlich haben sie das größte Interesse daran, die Moslems zurückzuhalten.“

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