Eine Grundlage der frühkindlichen Erziehung, und noch weit darüber hinaus, bildet neben der emotionalen Fundierung des Menschen, welche von Fall zu Fall unterschiedlich Erfolgsstufen erreicht, vor allem auch die Vermittlung kultureller Grundprinzipien, die im Laufe des Heranwachsens verfeinert werden und schlussendlich eine Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander ermöglichen sollen.
Diese Vermittlung bezieht sich jedoch nur sekundär tatsächlich auf ideelle Gedankenwelten, sondern benutzt solche viel mehr als Mittel, um ein konkretes – und zwar erwünschtes – Handeln zu bewirken, welches sich zwar an vermittelten Werten orientiert, aber im Lichte der Bedeutsamkeit dennoch über ihnen steht, da der Wert als solches nicht näher bestimmt, erläutert und begründet, sondern als etwas absolut Gültiges in den Raum geworfen wird, nach dem man sich zwangsläufig und ohne weiteres Hinterfragen zu richten hat.

In aller Regel hat dieses Erziehungsmodell zur Folge, dass ein Kind – wenn man denn von „guter“ Erziehung sprechen kann – seine Entscheidungen und sein Handeln davon abhängig macht, ob es richtig oder falsch ist. Was unter „richtig“ und was unter „falsch“ zu verstehen ist, wird es sich erst im Laufe des Lebens selbst erschließen, doch zunächst einmal gelten die Bewertungsmaßstäbe der äußeren Einflussfaktoren, welche sich nicht nur auf das Elternhaus beschränken.
Hält sich ein Kind an die von außen bestimmten Regeln, folgt eine Belobigung des „guten Kindes“ und die Eltern können sich stolz für die „gute Erziehung“ auf die Schulter klopfen. Fällt das Verhalten des Kindes dann aber doch einmal aus dem festgelegten Rahmen, gilt es als „böses Kind“ – eine Bezeichnung, die ich schon daher bedenklich finde, dass mit dem Begriff des Bösen meist eine Mutwilligkeit verbunden wird, die man einem Kind in dieser Form jedoch nicht unterstellen kann.
„Richtig“ und „falsch“ scheinen sich also nicht nur nach utilitaristischen Maßstäben zu richten, sondern jene Begriffe scheinen auch mit moralischen Werteurteilen verbunden zu sein, die genau genommen doch recht leer sein müssen. Denn niemand käme auf die Idee, eine im utilitaristischen Denkbild richtige Handlung als moralisch bedenklich einzustufen, obwohl der Egoismus der Gesellschaft doch nichts weiter als die Summe aller individuellen Egoismen ist. Der Egoismus des Einzelnen gilt jedoch meist als falsch und somit moralisch verwerflich. Es ist ein Paradoxon über den Egoismus des Menschen, den man damit eliminieren möchte, dass man auf notwendige Gesellschaftsverträge verweist, die ein Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen. Aus praktischen Beweggründen ist eine solche Annahme vollkommen richtig, doch schwierig und unglaubwürdig wird diese Praxis, wenn man ihr eine moralische Legitimation verschaffen will, der es jedoch nicht möglich ist, sich auf eine sozial-universale Grundethik zu berufen, da allein schon die Goldene Regel, meinem Nächsten nicht das anzutun, was ich mir selbst nicht angetan sehen möchte, nichts weiter als ein Ausdruck des natürlichen Überlebenstriebs ist, der zweifelsohne rein egoistische Beweggründe hat. Ich verschone meinen Nächsten nicht etwa, weil ich ein Menschenfreund bin, sondern weil ich viel eher seine Rache fürchte – so sagt es die Goldene Regel leicht umformuliert.

Das Gute scheint also einem Egoismus zu entspringen, den die Masse teilt und das Böse ist ein Resultat des Egoismus, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen. Gut und Böse sind die beiden Seiten ein und derselben Medaille, von der wir nach Belieben die Seite glänzen lassen, die unserer Position Legitimation verschafft und das Spannungsfeld zwischen den beiden normativ-moralischen Polen ist ein Golem, um das Spiel mit der Medaille noch interessanter zu machen.
Urteilen ist in aller Regel einfacher und bequemer als das Hinterfragen und daher sind unsere Werte vollkommen beliebig und temporär. Die Menschen messen in großen ethischen Maßstäben, da es ihnen ein hohes Maß an moralischer Glaubwürdigkeit verschafft, den Anschein zu erwecken, über individuellen Bedürfnissen zu stehen. Des Widerspruchs sind sie sich natürlich dennoch vollkommen bewusst – ihnen ist klar, dass sie an den von sich selbst proklamierten Maßstäben nicht bestehen können, doch ihr daher äußert zwielichtiges Verhalten stellen sich nicht weiter an den moralischen Pranger, denn urteilen ist tatsächlich bequemer als hinterfragen. Das Spannungsfeld zwischen gut und böse ist also nichts weiter als ein Spielfeld, auf dem die Menschen den Kampf um ihre Hierarchie austragen.
Der Ehrlichkeit des Menschen täte es gut, aufrichtig zu urteilen. Und zwar gemessen an den eigenen, individuellen Moralvorstellungen, ohne einen gesellschaftlichen Ankläger mimen zu wollen.

Nur in den seltensten Fällen können wir beobachten, dass sich Moral auf ein ewig absolutes Fundament stützt und durchaus eine klare Unterscheidung von Gut und Böse kennt. Die Moral kennt in jenem Falle keine menschlichen Egoismen und begründet sich aus einer Sphäre, die sich menschlichen Bedürfnissen nicht zu beugen hat, ihnen aber dennoch dienlich sein will. Die Moral der Religionen ist keine, wie so oft behauptet, unmenschliche Anti-Moral, sondern sie ist der Gegenpol der menschlichen Schein-Moral und ist ein Anti-Egoismus, da sie sich selbst nicht dienen kann, aber auch aus freien Stücken mit Liebe gewillt ist, Stütze zu sein.
Die g’ttliche Moral, die sich in G’tt und somit in der Absolutheit allen Seins, frei von Verfremdungen begründet, dient dem Menschen, indem sie ihm eine Anleitung ist, die Frage nach dem guten Leben für sich selbst und auch mit Rücksicht auf seine Mitmenschen zu beantworten. In der Welt besagter Moral kämpft der Mensch nicht für sich selbst, sondern für eine Gesamtheit, die nicht nur an den Moment und nicht nur an den Menschen gebunden ist. Es ist, so sehen es die Religionen, ein Streben, das den Menschen in seinem schöpferischen Drang befriedigt und Wirkungen erzielt, die über den Moment hinausgehen und für ihn auch nicht zu fassen sind. In diesem Streben löst sich der Mensch von der Macht des Anspruches, einen unmittelbar positiv und hauptsächlich materiellen Effekt seines Schaffens zu erzielen – er löst sich von einer sinnsuchenden Last. Und vor allem löst er sich von dem Zwang, zu urteilen, da er keine unmittelbaren Erwartungen mehr an seine Mitmenschen richtet.
Doch ein solcher Blickwinkel auf die Welt lässt sich nicht erzwingen und daher steht der Mensch als Einzelner und als Gruppe, als Schöpfung allgemein vor der Wahl: Er kann ein Egoist bleiben, sich materielle und temporäre Befriedigung verschaffen, aber dafür an der ständigen Anpassung und an den ständigen Urteilen zerbrechen oder er löst sich von diesen Ansprüchen und findet Eingang in eine höhere Ordnung.
So kennen auch die Religionen, die vor allem der Gedanke eint, positiv in dieser Welt zu wirken(wie beschrieben), ein „Richtig“ und ein „Falsch“. Was in der Ausführung zwar recht harmonisch klingt, bringt aber auch eine Herausforderung mit sich, die es allgemein zu diskutieren gilt, da sie sich nicht nur auf Religionen, sondern auf Ethik allgemein bezieht.

Es genügt nicht, sich nach moralischen und religiösen Maßstäben zu richten und sein Handeln nach dem Prinzip „richtig und falsch“ auszurichten, wenn man über diese Bezeichnungen hinaus nicht in der Lage ist, sein Handeln ethisch zu begründen, wenn man also nicht fähig ist, rational zu begründen, was eine Handlung gut und richtig macht, warum eine Handlung gut und richtig ist.
Und um sich vom Joch der Selbstgefälligkeit und des Egoismus zu lösen, muss jene Rationalität die Grenzen der eigenen Bedürfnisse überschreiten – und zwar aus sich selbst heraus, und nicht weil man sich bewusst ist, dass auch von außen Anforderungen an einen herangetragen werden. Gelingt dieser Schritt dem Einzelnen und schließlich auch der Gruppe ist das Spiel des Verurteilens und der moralischen Flexibilität beendet und das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche bekommen wieder einen inhaltlichen Wert – oder aber sie werden aus einem Zustand der Aufrichtigkeit heraus gänzlich überflüssig, womit sie verschwinden und weder Last noch Instrument mehr sein können.

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