„Nun wissen die Kinder, was es bedeutet, Jude zu sein“, sagte mein Rabbiner, als wir gemeinsam an den Gleisen von Auschwitz-Birkenau vorbeigingen, nachdem wir soeben mit dem Kaddisch und dem Entzünden von Seelenlichtern all der Toten gedachten, die an jenem Ort ihr Martyrium antraten, und deren Leiden eine neue Vorstellung von Moral und Menschlichkeit erzwangen, der Welt aber vor allem zeigten, wie sehr es dem Menschen doch an einem aufrichtigen Herzen mangelt.
Auschwitz, so brachte man es mir bei, sei ein Ort, dessen Wirkung sich mit Worten kaum beschreiben lässt, und der einem schlicht ein Gefühl der Ohnmacht vermittelt. Mag man sich noch so laut über die scheinbar leblose, durch Reden und Schweigeminuten geprägte, deutsche Gedenkroutine und -kultur beklagen, muss man spätestens dann, wenn man an dem Ort, der das Gedenken wie auch das Umdenken erzwingt, war, mit Ernüchterung und schmerzender Ohnmacht feststellen, dass es keine Alternative zum Stehen, Schweigen und Mahnen geben kann.
Ohnmacht – dies ist der Zustand, der einen überfällt, sobald man die Losung über dem Tor von Auschwitz erblickt, Kleidung sieht, die wehrlose Kinder Minuten vor ihrer Ermordung ausziehen mussten und den Kiesboden von Birkenau betritt. Es ist eben dieses Wort, welches erklärt, weshalb sich andere Worte nicht niederschreiben lassen wollen, weshalb man nicht weiß, was zu tun ist und wie man angemessen gedenken kann.
Auschwitz, nur so kannte ich es, war stets ein farbloser Ort. Eine Erinnerung in unser aller Gedächtnis, derer wir uns von Zeit zu Zeit immer wieder einmal bewusst besinnen, oder deren Bilder immer wieder mal in verschiedenen Kontrasten, aber immer nur in den Tönen Schwarz und Weiß durch unsere Köpfe fliegen. Es waren Momentaufnahmen, die ich kannte und die für mich ein Sinnbild des Grauens waren und es immer sein werden. Doch vor allem waren es Aufnahmen, die für die kollektive Identität meines Volkes zwar entscheidend sind, aber dennoch aus einer anderen Zeit stammen – egal wie sehr sie uns auch immer wieder beschäftigen mögen.
Plötzlich stand ich an der Stelle dieser Aufnahmen, dieser Erinnerungen und musste feststellen, dass auch dieser Ort Farben kennt und die Sonne vom Himmel strahlt, was es unmöglich macht, sich vorzustellen, was an genau der Stelle, an der ich stand, als mich eben dieser Gedanke erhaschte, passiert ist. Nun ist Auschwitz nicht mehr nur eine grausame Erinnerung, sondern mehr noch als vorher eine gewaltige Unfassbarkeit, Sinnbild des Unvorstellbaren. Ich stand auf jenem Massengrab meines Volkes, kannte all die Bilder, all die Tränen und war doch nicht in der Lage, von einem Schauer gepackt zu werden. Während ich an der Rampe stand, fühlte ich mich schuldig und meinte, ich könne der Opfer, meiner toten Familie nicht gedenken. Ich schämte mich sogar. Bis ich doch – und dies empfinde ich nachhaltig als große Erleichterung – eine Erklärung fand: aus der Unvorstellbarkeit entstand die besagte Ohnmacht, die es auch in just diesem Moment nahezu unmöglich macht, genau diesen Satz zu vollenden, die es mir in Auschwitz unmöglich machte, auszudrücken, was mich bewegte, was mich doch in meinem Herzen quälte. Sehr wohl habe ich gelitten, hätte schreien können, doch als ich der Dimension der Vergangenheit ins Gesicht blickte, verstummte ich und wurde zu einem leblosen Klotz. Dafür muss man sich nicht schämen. Doch Auschwitz wird mich nun durch diese Erfahrung, mein emotionales Ausdrucksvermögen verloren zu haben, mehr noch als vorher stets als Erinnerung begleiten, eine noch intensivere Auseinandersetzung erzwingen.
Auschwitz, so ist es uns allen bekannt und so hört man es immer wieder, war eine Zäsur in der Geschichte des jüdischen Volkes. Es drohte das Ende unserer Geschichte zu werden und brachte letzten Endes nach fast 2000 Jahren die große Wende. Aus dem Leid durfte sich nur Kraft schöpfen lassen, die wir nur durch die stetige Erinnerung bewahren können. „Ohne Erinnerung gibt es keine Erlösung“, und so lässt sich die Freiheit unseres Volkes nur dadurch bewahren, dass wir uns daran erinnern, was es vor nicht allzu langer Zeit bedeutete, Jude zu sein, welchen unschätzbaren Wert unsere Freiheit hat – sei es als jüdischer Staat, oder als kleine jüdische Gemeinde im Land der Täter. Nur so können wir unsere Freiheit als ein g’ttliches Geschenk bewusst genießen und erkennen, wann wir vielleicht gefordert sein könnten, diese Freiheit entschlossen zu verteidigen.
Tatsächlich war Auschwitz in der Erinnerung und der abstrakten Vorstellung immer der Ort, der mir bewusst machte, was es für meine Großeltern bedeutete, Juden zu sein und was es wohl bedeuten kann, Jude zu sein. Dies war mir stets bewusst und wichtig für meine jüdische Identität, welche fast alle Juden auf der Welt in genau diesem Punkt gemeinsam teilen, egal welcher religiösen Facon. Doch es war eben eine Gefahr der Vergangenheit oder des Konjunktivs.
Auschwitz ist passiert, vielleicht könnte Auschwitz auch wieder passieren, aber eigentlich bin ich mir doch sicher, dass Auschwitz nicht wieder passieren wird und im Moment gibt es kein Auschwitz, und auch wenn man als Jude ausgerechnet in Deutschland lebt, hat man nicht das Gefühl, ständig mit Auschwitz als ultimativer Ausdruck für sinnlosen Hass konfrontiert zu sein.
Nein, Jude zu sein, bedeutet heute, G’tt sein Dank, nicht mehr, zu leiden.
Und doch sind die Worte meines Rabbiners nicht anzuzweifeln, auch wenn sich recht pessimistisch und düster klingen mögen.
Jude zu sein muss bedeuten, sich seiner Geschichte bewusst zu sein und mit Dankbarkeit durch das Leben zu schreiten. Nirgendwo lernt man diese Lektion besser als in Auschwitz-Birkenau.
Als ich beim Totengebet Tränen vergoss und über die Bahngleise von Auschwitz schritt, lernte ich tatsächlich, was es bedeutet, Jude zu sein.
Nach Auschwitz: Was es bedeutet, Jude zu sein
25 Sonntag Jul 2010
Veröffentlicht in Als Jude in Deutschland, Holocaust
Danke dir fürs Teilen DEINER Erfahrung. Und du bringst ALLES in einem Satz auf den Punkt:
“Jude zu sein muss bedeuten, sich seiner Geschichte bewusst zu sein und mit Dankbarkeit durch das Leben zu schreiten. Nirgendwo lernt man diese Lektion besser als in Auschwitz-Birkenau.”
Ich kann mich deiner Ausführung nur anschließen. Nachdem man diesen Ort “erfahren / erlebt” hat, sieht man sein eigenes Leben ganz anders.
Gut. Unglaublich. Danke für deinen Artikel.
Ich “träume”, so makaber es klingen mag, von einem March of the Living, das ich mitmachen könnte. Zu wievielen wart ihr da? ich könnte es nicht allein.
Hallo Ron,
ein schöner Bericht von dir, der auch einiges widerspiegelt, was ich selbst erlebt habe: vor dem Hintergrund dieses Ortes bekommt die gesamte Geschichte eine neue Dimension, die man als “Nachgeborener” nicht zu begreifen imstande ist – rational schon nur mit Mühe, aber niemals emotional.
Eine Frage, die sich mit allerdings stellt: wie alt sind die “Kinder” und wie haben sie den Besuch verkraftet? Ich selbst war mit meiner Schulklasse dort, als ich 16 war. Und schon da gab es heftige Kritik an der Fahrt – denn für viele war der emotionale Schock tatsächlich zu groß, egal wie gut sie sich vorbereitet fühlten. Andere wiederum waren erstaunlich gefasst und schienen die Sache nicht so an sich herankommen zu lassen. Es ist wohl eine Frage des Charakters. Trotzdem würde ich wohl nicht mit einer Bar-Mizwa-Gruppe o.ä. dorthin fahren…
Die Kinder waren zwischen 13 und 16 Jahre alt.
Bislang bekam ich von ihnen noch kein direktes Feedback, aber ich hatte während der zwei Tage nach dem Besuch nicht den Eindruck, dass es sie unmittelbar geprägt hat.
Vielleicht findet eine direkte Auseinandersetzung erst mit einer gewissen Reife, und dann aus der Erinnerung heraus, statt.